Vor 70 Jahren...

...berichteten Krefelder Zeitungen am 21. Oktober 1952 dass "seit einger Zeit" die "Ortsgruppe V/104 des Technischen Hilfswerkes" in unserer Stadt besteht. In den Artikeln wurde sehr deutlich herausgestrichen, dass es sich hier um eine... "Nachfolgeeinrichtung der ehemaligen Technischen Nothilfe..." handelt, "...was sich z.B. auch daran ausdrückt, dass der "Geschäftsführer" (gemeint war der Ortsbeauftragte) ..der ehemalige TeNo-Leiter in Krefeld war..."

Natürlich ist es heute, 70 Jahre nach dem ersten Kontakt des Krefelder THW mit der Presse, müßig, eventuelle "Zwischen-den-Zeilen" - Interpretationen anzustellen. Heute wissen wir, dass die Vorbehalte einiger politischer Gruppierungen und vor allem die der neu formierten Gewerkschaften und ihres Dachverbandes unbegründet waren. Man vermutete nämlich, dass die neugegründete staatliche Organisation bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben nicht nur "Hilfe im Falle einer Katastrophe" zu leisten haben, sondern auch bei Eintritt staatlicher Notstände als Ersatz für z.B. streikende Arbeiter in Betrieben der Infrastuktur eingesetzt werden würde. Das stimmt zwar in bestimmtem Sachverhalt, war aber wie bei der TN zur Aufrechterhaltung lebensnotwendiger Belange gedacht und nicht um Streikenden den Arbeitsplatz streitig zu machen.

 

Bei älteren Leuten der damaligen Zeit waren noch Aktionen der Technischen Nothilfe (TN) nach dem 1. Weltkrieg und in der Wirtschaftskrise der 30er Jahre im Gedächtnis, die der neuen Hilfsorganisation den Ruf eines "Streikbrecher-Vereins" einbrachte. In den Richtlinien für die Organisation der "Technischen Nothilfe" vom 2. Februar 1920 wurde ausdrücklich die Aufgabe des Einsatzes "... zur Sicherung der inneren Ruhe und Ordnung und des Wiederaufbaues des deutschen Wirtschaftslebens Notstandsarbeiten dort zu verrichten, wo es sich um die Aufrechterhaltung gefährdeter, lebenswichtiger Betriebe handelt..." im Atikel I vor allen anderen Aufgaben angegeben. Das Eingreifen "... in Fälle der Not durch höhere Gewalt, z.B. Feuer- und Wassernot, Eisenbahnunglücken, usw..." stand erst im Nachsatz dieser Verordnung des Reichsministeriums des Inneren.
Die Technische Nothilfe (TN) erfuhr mehrere organisatorische Strukturwandel; u.a. war sie ab 1930 ein "eingetragener Verein", der in der neuverfassten Richtlinien vom 19.10.1933 im Artikel I als "... ein Machtmittel des Staates zur Beseitigung von Notständen in lebenswichtigen Betrieben..." einzusetzen war.
Die "gleichzeitige (...) Hilfeleistung bei Katastrophen infolge höherer Gewalt..." war in diesem Artikel als Nachsatz eingebracht.

Der Status des "e.V." wurde dann am 25. März 1939 per Gesetz umgewandelt in den eines "...ständigen technischen Hilfsorgans...".

Die Technische Nothilfe (TN) unterstand nun als "... technische Hilfspolizei..." dem Reichsinnenminister und war "... zur technischen Hilfeleistung bei der Bekämpfung öffentlicher Notstände und zur Erfüllung bestimmter Aufgaben der Landesverteidigung und des Luftschutzes..." in Bereitschaft zu halten. Gemäß dieser gesetzlichen Vorgaben leisteten die Männer der TN während des 2. Weltkrieges wertvolle Arbeiten nach den Zerstörungen durch Bomben und Granaten machen.

 

So wurde dann 5 Jahre nach Beendigung einer unseligen Epoche in der Geschichte unseres Landes das THW, sehr wohl als Nachfolger der TN, ins Leben gerufen. Sowohl die Auswahl des ersten Direktors,
Otto Lummitsch (Bild links) wie auch die damalige Aufgabenstellung zeigen, dass die TN in der ersten deutschen Republik 1919 - 1932 kein Zufall, sondern bewusst herbeigeführt war.

Um den Aufbau und die Einsatzbereitschaft der aufzustellenden technischen Hilfsorganisation in kürzester Zeit sicherzustellen, musste auf die wertvolle Erfahrung bewährter und zugleich politisch unbelasteter Führer der TN zurückgegriffen werden.

In der Aufbauphase des THW entsprachen die Organisationsschemata, Gliederungspläne der Ortsverbände (OVs) und die Einsatzplanung sowie die Ausbildung in den OVs und an der THW-Schule weitgehend den Erfahrungen der Vorgängerorganisation aus Friedens- und besonders aus der Kriegszeit.
Ehemalige Angehörige der TN, des Reichtsarbeitsdienstes sowie technische Truppenteile der damaligen Wehrmacht wurden zum Aufbau- und zur Mitarbeit gewonnen und entsprechend ihrer Qualifikation in der aufzubauenden Organisation eingesetzt.
Otto Lummitsch, der mit 64 Jahren am 22.08.1950 vom damaligen Innenminister der jungen Bundesrepublik, Dr. Gustav Heinemann den Auftrag zur Aufstellung eines "zivilen Ordnungsdienstes" bekam, konnte in der für ihn eingerichteten "Dienststelle Lummitsch" mit seinem aus Katastrophen- und Luftschutzerfahrenen Leuten am 4. September 1950 das erste Arbeitsprogramm bekanntgeben.

Auch in Krefeld folgte man dem Ruf von Otto Lummitsch. Ebenso wie überall in Deutschland fanden sich vorrangig ehemalige TN-Männer, die in den "mageren" Jahren nach dem Krieg ihre Erfahrungen in eine Hilfsorganisation einbringen und somit auch am Aufbau des jungen Staates mitwirkten.
Aus den Personalunterlagen unseres Ortsverbandes ist zu ersehen, dass der "Helfer Nr. 1", Dr. Wilhelm Bellingen war. Auch er war als Krefelder Leiter der TN natürlich prädestiniert für die Organisation einen weiteren Ortsverband aufzubauen.

 

Ein Helfer, der die Anfangszeiten des OV ab 1955 miterlebt hat, berichtete, dass Dr. Bellingen (Direktor der Krefelder Wasserwerke), Heinz Lauterbach (Apotheker), Kurt Bruss (Kaufmann und Handelsvertreter), August Kamper sowie weitere 5 Männer (alles ehemalige TN-Angehörige) den Ortsverband Krefeld in einem kleinen Raum im "Hansahaus" am Hauptbahnhof aus der Taufe hoben.
August 1952. In einem Kellerraum lagerten neben alten TN-Werkzeugen auch die Dinge, die die Kameraden der ersten Stunde selbst beigesteuert haben. Wenn man die Ausrüstung der heutigen Zeit den Sachen gegenüberstellt, die den Männern damals zur Verfügung standen, dann wird auch dem Fantasielosesten ein Höchstmaß an Anerkennung abverlangt: Ein "Nichts" an Ausrüstung verlangte ein "Alles" an Improvisationsvermögen, um denen, die ab 1953 nach und nach zum OV stießen, zumindest die einfachsten Begriffe der "technischen Hilfe" nahezubringen. Ende 1953 standen in der Helferliste 43 Mitglieder verzeichnet.

Die ersten Übungsstunden wurden in dem Lagerraum im Keller oder im Innenhof des Hansahauses abgehalten.
Nach Zwischenstationen im Hof einer Kohlenhandlung auf der Lewerentzstraße - war es auf der Hansastraße 58? (leider war nicht zu erfahren, ob das eine feste Unterkunft oder nur ein Ausbildungsgelände war, zog man 1956 um zum Schirrhof (Blumentalstraße), wo man auf dem Feldweg (der heute Nassauer Ring heißt) Stiche und Bunde zum Bau eines kurzen Steges aus "erbetteltem" Holz anwendete.

 

(Foto: Dienst im Winter neben dem Schirrhof)

Die Mobilität der jungen Truppe war natürlich mit privat beigesteuerten Schubkarren und Fahrrädern "nicht so recht" gewährleistet. So wurde dann nach einigen "Bettelgängen" des Ortsbeauftragten (OB) Dr. Bellingen, von der Stadt Krefeld ein "Transportbus" für das Material zur Verfügung gestellt. Der "Bettel-Bus" und manchmal auch ein LKW der Firma BIGALKE (Ernst B. war Helfer Nr. 14 im OV) fuhr dann die "Bettel-Bretter" und Rundhölzer ins Hülser Bruch (Schießstand?). Eine Fahrrad-Kolonne von Helfern machte sich, manche noch mit TN-Drillich, auf den Weg dorthin, um ihren Ausbildungsdienst zu versehen. Nach kurzer Zeit, Ende 1956, zog die kleine Schar wieder um. Diesmal gab es Grund zur Freude: Im Bunker n der Schwertstraße konnte man eine "ganze Etage" belegen. Büro, Ausbildungsraum, Kleiderkammer, waren schon ein großer Fortschritt.
Trotzdem fehlte es den motivierten Jung´s in diesen schwierigen Anfangsjahren praktisch an allem, was das Wort "Technisch" in unserem Namen darstellt. Zu verschiedenen, von der Krefelder Presse beobachtet öffentlichen Auftritten wurden Gerätschaften vom Landesverband herangeschafft. Eine moderne BLK-Säge, deren Schwert am Motorblock für Senkrecht- und Waagerecht-Schnitte gedreht werden konnte (weil der Motor nicht über einen bestimmten Winkel gekippt werden konnte, er "soff" sonst ab!) wurde stolz den Zuschauern aus Politik und Bevölkerung vorgeführt, ... und nach der Veranstaltung zurückgegeben.
Man wollte den interessierten Menschen natürlich nicht die Mangel-Verwaltung, sondern die Hilfsmöglichkeiten vorstellen, die ein modernes Technisches Hilfwerk bieten konnte. So bekam unser OV dann ab ca. 1956 einen Gerätekraftwagen (GKW Borgward) für die Übungsdienste geliehen. Wenn der Dienst vorbei war, wurde er wieder zurückgefahren.
Trotz der technischen Unzulänglichkeiten wurde das Krefelder THW von der Stadt Krefeld mit einer Aufgabe betraut, für die man keine große Technik brauchte: der Bau eines "Planschbeckens" auf dem Gelände des Schullandheimes in Herongen.
Freudig ob dieses großen Vertrauens opferten die Jung´s ihren Sommerurlaub und fuhren jeden Morgen mit dem Linienbus nach Herongen, und nach 12-14 Stunden Arbeit mit den zur Verfügung stehenden Schaufeln, Spaten, Spitzhacken und EImern, fuhren sie abends wieder zurück nach Krefeld.
Die Baumaterialien wurden von der Stadt bereitgestellt. Mancher Stein, der in diesem Becken vermauert wurde, war auch gespendet. Die Firma SLOOTEN aus Straelen machte sich in dieser Beziehung bei den Jung´s einen guten Namen.

 

(Foto: Das Planschbecken)

So konnte dann nach vier Wochen Dauer-Maloche das Becken mit dem Wasser des "Amandus", eines kleinen Baches in der Nähe, geflutet werden.
Paul Geuer, 1956 eingetreten, berichtete in einer Anekdote, dass während der Bauphase einer Gruppe Berliner Mädchen (14-17 Jahre) das Schullandheim besuchte. "...Die Heimleiterin ´Frau von Ellertz´, konnte die Mädels nicht bändigen und ich als Gruppenführer meiner Kameraden auch nicht. Resultat: "2 Tage Arbeitsausfall..." berichtet Paul mit ´nem Augenzwinkern ;-)

In den vergangenen Jahren hatte das THW in der Bundesrepublik, welches mittlerweile eine Helferzahl von ca. 48.000 Aktiven hatte, schon einige spektakuläre Einsätze im In- und Ausland durchgeführt.
Am 1. Februar 1953 wurden die Niederlande von einer Sturmflut ungeheuren Ausmaßes heimgesucht. Aus allen Teilen der Bundesrepublik meldeten sich Helfer um den Nachbarn zu helfen. vom 7. bis zum 20. Februar 1953 waren 76 Helfer im Einsatz an den Deichen und leisteten so den ersten Auslandseinsatz in der Geschichte unserer Organisation.

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